Wie jugendtauglich ist unser Ort?

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Verlauf und Bilanz des Beteiligungsprojekts DingDeinDorf

Mehrfach hat sich der Landesjugendring Saar kritisch zu parlamentarischen Beteiligungsformen Jugendlicher in saarländischen Städten und Gemeinden geäußert. Zwar gelang es immer wieder junge Menschen zu begeistern, sich für Kinder und Jugendliche vor Ort einzusetzen. Jedoch überzeugten Jugendgemeinderäte auf Dauer nur selten und die meisten Initiativen dieser Art scheiterten letztendlich an geringer Wahlbeteiligung,  der Gremienkultur, langwierigen Diskussionsprozessen, mangelnden Entscheidungskompetenzen und/oder fehlendem Budgetrecht. Andererseits entstanden vielfältige direkte und projektbezogene lokale Beteiligungsformen, die maßgeblich auch vom Landesjugendring mit inspiriert und begleitet wurden. Dies war ein wichtiger Beweggrund für die saarländische Arbeitsgemeinschaft 2008 einen ersten landesweiten Akzent für nachhaltige Beteiligungsprozesse im Saarland zu setzen.
Dies erschien uns umso notwendiger, da die Diskussion in den Kommunen stärker denn je auf die Jugendfreundlichkeit und Jugendtauglichkeit zu richten ist. Orte die angesichts des demografischen Wandels zukunftsfähig bleiben wollen, müssen gute Angebote für junge Menschen vorhalten, die Identifikation stiften und den Ort für ihre Altersgruppe lebenswert machen.
Es entstand daraus die Projektidee, die Jugendfreundlichkeit und Jugendtauglichkeit saarländischer Kommunen  saarlandweit von Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren bewerten zu lassen und in möglichst vielen der 51 saarländischen Kommunen Zeugnisse darüber auszustellen. Diese sollten breit der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden, um Diskussionsprozesse in den Gemeinden auszulösen und den Focus auf die Lebensbedingungen Jugendlicher im Ort zum Thema zu machen.
 In 10 ausgewählten Städten und Gemeinden sollte dann mit interessierten Jugendlichen und den kommunalen EntscheidungsträgerInnen Vereinbarungen getroffen werden um konkrete Verbesserungen herzustellen.

  • Beteiligung der Jugendlichen in den einzelnen Projektschritten
  • Überschaubarer Projektzeitraum
  • Attraktive und altersgemäße Beteiligungsmethoden
  • Erkennbarer Ernstcharakter des Projekts
  • Einbindung des Internets als wichtigstes Jugendmedium
  • Einbindung der klassischen Lokalmedien, um den Bewertungen und Interessen Jugendlicher Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit zu verschaffen

 

 

Der Projektverlauf

 

Bei dieser Zielsetzung erschien es sinnvoll, verschiedene Partner mit ins Boot zu nehmen.  So gelang es, den Studiengang "Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit" der Hochschule für Technik und Wirtschaft zu gewinnen, die das Projekt wissenschaftlich begleitete und insbesondere bei der Fragebogenerstellung und der Auswertung der Befragung entscheidend mitwirkte. Als Medienpartner wurde "103.7 UnserDing", das Jugendradio des Saarländischen Rundfunks gewonnen, das in allen Phasen des Projekts Berichterstattung auf altersgemäße Art realisierte.  Mit ihm entwickelten wir auch den Projektnamen "DingDeinDorf", der auf diese Partnerschaft anspielt. Für die Internetbegleitung sorgte das Landesjugendringprojekt "Jugendserver-Saar" mit Unterstützung des Internet-Providers Deepweb. Das damals für die Jugendpolitik zuständige Bildungsministerium und das bundesweite Aktionsprogramm für mehr Jugendbeteiligung des DBJR machten durch ihre finanzielle Unterstützung die Umsetzung des Vorhabens möglich.
Anfang 2008 startete das Projekt mit einem vorher angeworbenen Jugendteam, das die Fragebogenthemen für das Projekt erarbeitete. In einem ausführlichen Prozess entstand ein Fragekatalog zur Freizeitsituation, Mobilität, Konsummöglichkeiten, Partizipation, Schule und Ausbildung sowie zur Gesamtbewertung der Kinder- und Jugendfreundlichkeit in der Kommune. Zwischenzeitlich wurde ein Projekt-Internetportal geschaltet und dann ab Juni landesweit der Fragebogen bekannt gemacht. Knapp 2.000 12- bis 19-Jährige beteiligten sich. Sie wurden im Wesentlichen in Freizeiteinrichtungen und auf Schulhöfen in Pausen erreicht. Für 23 von 51 Kommunen konnten dann zwar nicht repräsentative aber doch aussagekräftige Ergebnisse in Form von Zeugnissen mit Schulnoten den BürgermeisterInnen übermittelt werden. Vorab wurde das Zeugnis landesweit präsentiert und die Jugendfreundlichkeit in den saarländischen Kommunen mit der Gesamtnote 3,0 bewertet. Handlungsbedarf, so ergab diese Auswertung, besteht vor allem für stärkere Partizipation, für besser geeignete offene Räume und Plätze sowie jugendkulturelle Angebote. Viel spezifischer fielen dagegen die Bewertungen in den einzelnen Kommunen aus, wo die Gesamtnoten von 2,4 bis 3,6 reichten. Noch aussagekräftiger waren die Einzelnoten für die Themengebiete und Eigenschaften der Kommune, die die Jugendlichen zuschreiben konnten und von "modern" bis "langweilig" sehr unterschiedliche Aspekte einer Gemeinde abfragten. Intensiv gestaltete sich die Öffentlichkeitsarbeit zu diesen Zeugnissen, die insbesondere in den Lokalteilen der Tageszeitung und den Anzeigenblättern eine für die Jugendpolitik erfreuliche nachdrückliche Resonanz fand. Dies provozierte auch entsprechende öffentliche Reaktionen der Lokalpolitik, die die Ergebnisse zum weitaus größten Teil - auch bei weniger erfreulichen Resultaten - interessiert und z.T. zustimmend zur Kenntnis nahm. Jugendliche und Jugendorganisationen meldeten dann Bedarf für Vereinbarungsgespräche zurück, die in 10 Kommunen durchgeführt wurden. Dabei nahmen zwischen 10 und 70 Jugendliche sowie in der Regel die Verwaltungsspitze und GemeindefraktionsvertreterInnen teil. Die Themen reichten - meist wie in den Zeugnissen schon erkennbar - von Juz-Angeboten über Nahverkehr bis hin zu mangelnden Freizeitangeboten. Ziel war es, an einem Abend meist in zwei bis drei Stunden konkrete Vereinbarungen über mehrere Verbesserungen zu erzielen, was überall gelang. Besonders wichtig: Die Jugendlichen standen im Focus und die Moderation hatte dafür zu sorgen, dass PolitikerInnen klare Antworten abgaben und Vereinbarungen trafen. Auch hier war die Medienbegleitung bestens, was sich bei der Verwirklichung als wichtig herausstellte, weil anschließende Kontrollbriefe des Landesjugendrings durch anmahnende Berichterstattung in der Presse verstärkt wurde.

 


Bilanz


Vieles an diesem Projekt war nach unserer Meinung wegweisend für die Weiterarbeit, einiges ist zu optimieren. Es sei hier nur stichwortartig aufgeführt und bedarf der Berücksichtigung bei einer Fortführung im Saarland oder anderen vergleichbaren Initiativen:
Wegweisend:

  • die Entwicklung des Fragebogens sowohl mit den Jugendlichen als auch die wissenschaftliche Begleitung dabei;
  • die Nutzung des Internets, die insbesondere den Jugendlichen den Beteiligungsprozess näher brachte und nun, zwei Jahre später, mit den Sozialen Netzwerken neue Möglichkeiten schafft;
  • der parallele Prozess in mehreren Kommunen mit einem Fragebogen und klar identifizierbaren Bewertungen der Jugendlichen als Vergleichsgrundlage mit der Möglichkeit eines Langzeitprozesses in dem solche Befragungs- und Beteiligungsprojekte fortgesetzt werden können;
  • die mediale Begleitung, die Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit und Druck erzeugt. Hierzu sind erhebliche Ressourcen vonnöten, um genügend Service für Journalisten zu bieten;
  • die Vereinbarungsgespräche, die sowohl bei den Jugendlichen als auch bei den KommunalpolitikerInnen - für sie nicht selten unerwartet - meist sehr positive Erlebnisse über die Ernsthaftigkeit und Produktivität des Dialogs auslösten

 

 

Optimierungsbedarf

 

  • Eine effektivere Bewerbung des Fragebogens kann zu mehr ausgefüllten Bogen führen. Es ist zu prüfen, ob nicht stärker auch Schulen sich in der Unterrichtszeit oder in Arbeitsgruppen beteiligen können;
  • die Realisierung der Vereinbarungsgespräche bedarf intensiverer Kontakte mit den örtlichen politischen Strukturen;
  • Die Kontrolle der Einlösung der Vereinbarung sollte im Projektverlauf so berücksichtigt sein, dass auch ein Jahr später dafür noch Ressourcen vorhanden sind. Obwohl es viele positive Vollzugsmeldungen gab, konnte bei DingDeinDorf die Realisierung nicht für alle Vereinbarungen kontrolliert und angemahnt werden.

Eigentlich wollte der Landesjugendring Saar 2011 das Projekt neu auflegen und weiterentwickeln. Aktuelle massive Kürzungen bei der Arbeitsgemeinschaft von 21 Kinder- und Jugendverbänden verhindern dies leider, womit man nach einem erfolgreichen und wegweisenden Akzent aus dem Saarland nun wieder auf dem Boden jugendpolitischer Mangelverwaltung zurückgeworfen wurde.

 

Die PDF- Datei zur Dokumentation "DingDeinDorf" findet ihr hier.

www.erinnert-euch.de
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